Brüsseler Effekt oder experimentelle Governance? Die EU-KI-Verordnung im globalen Kontext

Der Brüsseler Effekt oder Experimentierkunst? Der EU AI Act und globale Standardsetzung

Einleitung

Der EU AI Act (Verordnung 2024/1689), den die Europäische Union (EU) im Frühjahr 2024 verabschiedet hat, wird allgemein als ein bedeutender Schritt in der weltweiten Künstliche Intelligenz (KI)-Regulierung angesehen. Die EU feierte die Verabschiedung des AI Act als „bahnbrechendes Gesetz“, das darauf abzielt, die Regeln für künstliche Intelligenz zu harmonisieren und als globalen Standard zu fungieren.

Der Brüsseler Effekt

Der Begriff Brüsseler Effekt beschreibt die Fähigkeit der EU, hohe Produktstandards zu setzen, die dann weltweit übernommen werden. Diese Theorie basiert auf der Annahme, dass die EU durch ihre Reputation als Regulierer und die Größe ihres Binnenmarktes in der Lage ist, andere Jurisdiktionen zu beeinflussen. In der digitalen Welt wird der Brüsseler Effekt häufig mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) in Verbindung gebracht, die internationale Standards für Datenschutz geschaffen hat.

Experimentelle Governance

Im Gegensatz zur Vorstellung des Brüsseler Effekts steht die Theorie der experimentellen Governance, die die EU als einen Akteur sieht, der in einem kooperativen und offenen Rahmen mit anderen Regulierungsansätzen interagiert. Diese Theorie legt nahe, dass die EU nicht unbedingt als globaler Regelsetzer fungiert, sondern dass ihre Regulierungsansätze auch von anderen Jurisdiktionen beeinflusst werden können.

Vergleich von AI und etablierten digitalen Technologien

Die Regulierung von KI unterscheidet sich grundlegend von etablierten digitalen Technologien. Erstens bringt KI eine Vielzahl von Unsicherheiten mit sich, die eine interventionistische Regulierung erfordern. Zweitens wird Regulierung für Unternehmen nicht nur als Belastung, sondern als wichtiges Instrument zur Schaffung von Vertrauen in ihre Produkte betrachtet. Drittens ist der Markt für KI-Anwendungen viel fragmentierter als der für digitale Plattformen, was bedeutet, dass Anbieter ihre Produkte leichter an verschiedene Märkte anpassen können.

Inhalt des EU AI Act

Der AI Act verfolgt einen verfahrensorientierten Ansatz, der viele Standards offenlässt und Raum für Anpassungen bietet. Er legt eine klare Unterscheidung zwischen hochriskanten KI-Systemen und allgemeinen KI-Modellen fest. Hochriskante Systeme unterliegen strengen Auflagen, während allgemeine Modelle eine zentralisierte Aufsicht durch die EU erhalten.

Regulierungsstrategien und Herausforderungen

Die Regulierung von KI erfordert eine Balance zwischen der Förderung von Innovation und dem Schutz der Gesellschaft. Der AI Act stellt sicher, dass Systeme, die gegen die Gesundheit, Sicherheit und grundlegende Rechte verstoßen, nicht auf den Markt gelangen. Dennoch bleibt der rechtliche Rahmen für viele Bestimmungen vage und erfordert weitere Spezifizierung.

Fazit

Die Analyse zeigt, dass der EU AI Act wahrscheinlich nicht den Brüsseler Effekt erzeugt, der mit der DSGVO verbunden ist. Stattdessen deutet alles darauf hin, dass der AI Act eher als Beispiel für andere Regulierungen dient, anstatt als unangefochtene Norm zu agieren. Die EU positioniert sich als Teil eines globalen Dialogs zur Regulierung von KI, wobei der Fokus auf kooperativer Governance liegt.

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