An den Grenzen Europas testet KI die Grenzen der EU-Rechte
Während Europa seine Grenzen verstärkt und irreguläre Migration eindämmt, investiert die Europäische Union Hunderte Millionen Euro in Technologien der künstlichen Intelligenz — einschließlich Lügendetektoren, Spracherkennungstools und Drohnen.
Doppelmoral und Unterschiede im Datenschutz
Kritiker argumentieren, dass dies eine Doppelmoral vertieft, bei der die strengen Technologie- und Datenschutzbestimmungen Europas für Bürger gelten, jedoch nicht für Migranten, die ein neues Leben suchen. Experten warnen, dass die Kluft zwischen den selbstproklamierten Menschenrechtswerten Europas und den Praktiken zur Grenzkontrolle weiter wachsen wird. Die Ausgaben für KI-gesteuerte Grenztechnologien steigen weiter, während der Migrations- und Asylpakt der Europäischen Kommission eine verstärkte Digitalisierung des Grenzmanagements fordert.
Kritiker warnen zudem, dass Technologien, die für die Kontrolle von Migration entwickelt wurden, selten an der Grenze bleiben. Werkzeuge, die zunächst bei Migranten eingesetzt werden, können für die innere Strafverfolgung umfunktioniert werden, was die Grenze zwischen Migrationsmanagement und innerer Sicherheit verwischt.
Mehr EU-Finanzierung, weniger Schutzmaßnahmen
Zwischen 2007 und 2020 gab die Europäische Union 341 Millionen Euro für Projekte zur Grenzkontrolle aus, die eine Form von KI beinhalteten. Seit 2020 ist die EU-Finanzierung für Mitgliedstaaten im Bereich der Grenzkontrollprogramme um 45 % gestiegen. Über 70 % dieser Mittel wurden neuen Infrastrukturen zugewiesen, einschließlich KI-Tools und der Entwicklung von Datensystemen zur Überwachung der Migration.
Zusammen mit den erhöhten Ausgaben erlauben Schlupflöcher in den ansonsten strengen KI-Vorschriften Europas eine breite Nutzung der Technologie in migrations- und sicherheitsbezogenen Einstellungen.
Das wegweisende KI-Gesetz der EU verbietet Gesichtserkennungstechnologien und kriminelle Risikoabschätzungen, erlaubt jedoch Werkzeuge wie Lügendetektoren und mobile Datenauslesesysteme mit Aufsicht. Andere KI-Technologien für Migration, wie Prognosetools zur Vorhersage irregulärer Migrationsströme, unterliegen wenigen regulatorischen Schutzmaßnahmen.
Parallelrealität für Migranten und EU-Bürger
Unter dem KI-Gesetz existieren Migranten und EU-Bürger in einer rechtlichen „Parallelrealität“. Ethikfragen gehen über die Regulierung hinaus. Forscher betonen, dass ein nachgiebiger Ansatz zur digitalisierten Migrationskontrolle die EU-Politik im Widerspruch zum Vertrag über die Grundrechte der Europäischen Union bringt und letztlich auch die Schutzmaßnahmen für Bürger untergraben könnte.
KI wird an den Grenzen Europas ausgeweitet
KI-Migrationstechnologien werden bereits von nationalen Behörden in elf Ländern getestet oder eingesetzt. Lügendetektionstechnologien werden in mehreren Ländern erprobt, während Datenextraktion von Mobiltelefonen in anderen verwendet wird. Behörden setzen KI auch zur Überprüfung von Dokumenten, zur Einschätzung von Sicherheitsrisiken und zur Erfassung biometrischer Daten ein.
Einige der fortschrittlichsten Systeme werden in einem europäischen Land eingesetzt, wo ein automatisiertes Grenzüberwachungssystem Drohnen, Kameras und Detektoren kombiniert, um die Bewegung von Migranten zu überwachen. Dieses Land hat über eine Milliarde Euro an EU-Finanzierung für das Grenzmanagement erhalten.
Risiken und Herausforderungen der Technologien
Nicht alle Technologien bergen die gleichen Risiken. Mobile Datenauslesetechnologien können aufgrund fehlerhafter GPS-Daten falsche Migrationsrouten erzeugen. Auch wenn die Daten allein nicht ausreichen, um einen Asylantrag abzulehnen, können sie dennoch die Entscheidungsfindung verzerren.
Forscher geben an, dass trotz der zunehmenden Dokumentation des Einsatzes von KI in der Migrationsverwaltung ein klares Bild der Funktionsweise dieser Systeme in der Praxis fehlt. Die Unternehmen sind nicht verpflichtet, die Einzelheiten ihrer KI-Systeme offenzulegen, was zu einer Blase der Geheimhaltung führt.
ETIAS und Datenschutzbedenken
Abgesehen von den KI-bezogenen Schlupflöchern haben Migranten und Asylsuchende nicht dieselben Datenschutzrechte wie europäische Bürger. Ein Beispiel ist das bevorstehende ETIAS, ein System zur Überprüfung von Reisenden auf Sicherheits- und Migrationsrisiken.
Die umfangreiche Datensammlung und ihre Integration in miteinander verbundene EU-weite Datenbanken haben bei Datenschützern Besorgnis ausgelöst. Ein Gerichtsverfahren in einem EU-Land argumentiert, dass ETIAS „disproportionale Eingriffe“ in die „grundlegenden Rechte“ von Migranten darstellt.
Fazit
Europa war jahrzehntelang ein globaler Vorreiter in digitaler Regulierung und Datenschutz. Doch während die EU eine härtere und zunehmend digitalisierte Grenzpolitik verfolgt, wird der Widerspruch zwischen ihrem Menschenrechtsrahmen und den Praktiken zur Grenzsicherung immer deutlicher.