Meinung: JPMorgan trennt sich von Aktionärsberatungsunternehmen zugunsten von KI – ein Wendepunkt
Die Unternehmensführung tritt in eine neue Ära ein, die die Prinzipien der Aktionärsdemokratie auf die Probe stellen wird.
Die Asset-Management-Einheit von JPMorgan Chase hat eine bedeutende Entscheidung getroffen. Sie hat die Zusammenarbeit mit Proxy-Beratungsunternehmen beendet und wird die Empfehlungen für die Abstimmung der Aktionäre einer proprietären KI-Plattform anvertrauen.
Dies ist keine routinemäßige betriebliche Änderung, sondern der jüngste Schritt in einem Machtwechsel im Bereich der Proxy-Abstimmungen.
Die Rolle der Proxy-Berater
Seit Jahrzehnten haben Proxy-Berater wie Institutionelle Aktionärsdienste und Glass Lewis & Co. – deren Forschung und Abstimmungsempfehlungen von institutionellen Investoren genutzt werden – die Entscheidungen über Abstimmungsergebnisse bei öffentlichen Unternehmen geprägt.
Kritiker argumentieren schon lange, dass diese Unternehmen überproportionale Macht ausüben, mit begrenzter Transparenz hinsichtlich ihrer Methoden und potenziellen Interessenkonflikten in ihren Geschäftsfeldern.
Einflussreiche Entscheidungsträger in den Vereinigten Staaten unterstützen diese Ansichten. Eine kürzlich erlassene Exekutivverordnung des Weißen Hauses fordert die Bundesregulierungsbehörden auf, die Rolle der Proxy-Berater bei der Gestaltung der Unternehmensführung zu überprüfen und eine erhöhte Transparenz sowie Treuhandstandards zu erwägen.
Die Auswirkungen der KI auf die Unternehmensführung
Die Entscheidung von JPMorgan wirft wichtige Fragen auf. Wer ist verantwortlich, wenn eine von KI gesteuerte Abstimmung unbeabsichtigte Konsequenzen infolge von Halluzinationen hervorruft? Wie können die Begünstigten, wie Rentner und alltägliche Investoren, sicher sein, dass diese Systeme frei von Vorurteilen, cyber-resistent, transparent in ihrer Logik und zuverlässig in ihren Schlussfolgerungen sind?
Marktdruck wird wahrscheinlich eine größere Offenlegung darüber erzwingen, wie KI-gesteuerte Proxy-Abstimmungssysteme trainiert werden. Bis dahin wird das wahrscheinlichste Ergebnis eine reduzierte Transparenz und eine weitere Fragmentierung der Abstimmungsergebnisse sein.
Für Emittenten wird das Leben schwieriger, nicht einfacher.
Obwohl der KI-Schritt von JPMorgan nur für den US-Proxy-Abstimmungsprozess gilt, sind die Implikationen auch für andere Märkte dringend.
Wichtige Prinzipien für den Übergang
Drei Prinzipien müssen den Übergang leiten. Erstens sind klare Standards für Verantwortung, Vorurteilsbekämpfung und cyber-resiliente Systeme unerlässlich, wenn Algorithmen im Namen der Begünstigten abstimmen. Zweitens müssen Unternehmen, die KI einsetzen, ihren Ansatz der Öffentlichkeit offenlegen, deren Kapital sie verwalten oder anziehen möchten. Die Abschottung von KI-gesteuerten Proxy-Abstimmungssystemen vor der Überprüfung könnte einfach eine Blackbox durch eine andere ersetzen. Drittens müssen die Aufsichtsräte proaktiv agieren, um den aktuellen Zustand der Unklarheit zu navigieren.
Im Proxy-Jahr 2025 stieg die Zahl der KI-Governance-Vorschläge auf kanadischen Stimmzetteln von null im Jahr zuvor auf zweistellige Zahlen. Obwohl keiner angenommen wurde und die durchschnittliche Unterstützung bescheiden blieb, ist der Trend klar: Aktionäre wünschen sich Aufsicht und Verantwortung im Zusammenhang mit dem Einsatz von KI im Governance-Prozess.
Es besteht jedoch das Risiko unbeabsichtigter Ausschlüsse. Ein völliger Rückzug von externem Fachwissen könnte kleinere Investoren benachteiligen, insbesondere wenn interne Ressourcen für die Governance-Forschung begrenzt sind. Ein durchdachter Übergang muss den Zugang zu hochwertigen Analysen im gesamten Markt bewahren.
Fazit
Die Entscheidung von JPMorgan wird nicht die letzte sein. Das Modell der Proxy-Beratung steht unter Druck, und KI wird seine Transformation beschleunigen.
Die Frage ist nicht mehr, ob KI die Unternehmensführung umgestalten wird. Es geht darum, wie und zu welchen Kosten. Die Einsätze sind klar. Die Proxy-Revolution hat begonnen.
Richtig umgesetzt kann KI die Governance über Generationen hinweg stärken. Falsch umgesetzt könnte sie die Grundlagen der Aktionärsdemokratie beseitigen.